Hintergrundbericht

Sakrileg - Die grösste Verschwörung der letzten 2000 Jahre?
Jesus, Maria, Da Vinci und der "heilige" Gral - Die Wahrheit hinter dem Weltbestseller

Seit über einem Jahr ist der Roman "The Da Vinci Code" von Dan Brown in den USA die absolute Nr. 1. Fast 7 Millionen mal ist der Titel bereits über die Ladentische gegangen. Auch Europa hat das "Dan Brown-Fieber" inzwischen ergriffen. Unter dem Titel "Sakrileg" (Religionsfrevel) führt das Buch seit Wochen die Bestsellerlisten von FOCUS und SPIEGEL mit 500.000 Exemplaren an. Übersetzungen in 40 Ländern sind in Arbeit und Hollywood hat sich die Filmrechte gesichert. Was ist so bemerkenswert an dem Roman, der in Schulen behandelt wird und im Zentrum einer neu aufbrechenden öffentlichen Diskussion um Jesus und die Bibel steht? Vordergründig geht es im "Sakrileg" um die Aufklärung eines Mordes. Der "Symbolforscher" Prof. Langdon ist auf einer Konferenz in Paris, als der Direktor des Louvre vor dem Gemälde der Mona Lisa ermordet aufgefunden wird. Langdon erkennt, dass der Tote durch versteckte Hinweise auf die Werke Leonardo da Vincis aufmerksam machen wollte - Hinweise, die auf eine finstere Verschwörung deuten. Die Polizei verdächtigt den Professor des Mordes, doch dieser beginnt mit eigenen Nachforschungen und wird dabei von Sophie Neveu, einer Kryptologin der Pariser Polizei unterstützt, die sich später als Enkelin des Toten und - man höre und staune - Nachfahrin von Jesus herausstellt!! Ihr Onkel sei ein führendes Mitglied einer Geheimgesellschaft ("Priorat von Zion") gewesen, die das letzte Geheimnis der Nachkommen Jesu hütet ...

Dan Brown, Sakrileg, Gustav Lübbe Verlag, 19,90 Euro (34,9 sFr), 605 Seiten.
Der Megaseller aus den USA verkaufte sich dort 7 Millionen mal.


Dan Brown (37), ein ehemaliger Englischlehrer, ist einer der auflagenstärksten Autoren der Gegenwart. Über seinen Erfolg sagt er, dass die Ursache seines Erfolgs nicht seine Schreibkunst sei sondern so Brown wörtlich: "Geheime Gesellschaften, verstecktes Wissen, verloren gegangene Geschichte, sinistre Verschwörungen, so etwas spricht alle an, vom Chefarzt bis zum Klempner, von der Designerin bis zur Küchenhilfe". Mit seinem Buch möchte Brown "eine Tür beim Leser öffnen" für seine religiösen Erkenntnisse.

Auf S. 342 platzt dann die Religionsbombe! Jesus starb - so die These des Autors - nicht am Kreuz, sondern überlebte und zeugte mit Maria Magdalena ein Kind, dessen Nachfahren noch heute in Frankreich leben sollen. Die katholische Kirche versuche mit aller Gewalt und allen Mitteln (auch durch Mord) dieses Geheimnis von Jesus zu hüten, denn wenn herauskäme, dass Jesus nur ein normal-sterblicher Mensch war, dann würde die "katholische Kirche in die grösste Krise ihrer 2000jährigen Geschichte stürzen" (S. 365). Bereits Konstantin der Grosse habe "Tausende von Handschriften" (S. 322) im 4. Jh. vernichten lassen, die von dem angeblich "sterblichen" Jesu berichtet haben und im kaiserlichen Auftrag sei die Bibel in den römischen Schreibstuben verfälscht worden. Auf dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) habe Kaiser Konstantin angeblich den sterblichen Jesus per Dekret zum Sohn Gottes erklären lassen. Unsere Bibel sei eine Fiktion und die "Wahrheit" über Jesus würden nur die religiösen Schriften enthalten, die Konstantins Verfälschungs- und Vernichtungsaktion entgangen seien, wie die weltberühmten Schriftrollen von Qumran und die Funde von Nag Hammadi in Ägypten (S. 323, 337). Leonardo da Vinci hätte gewusst, dass Jesus mit Maria Magdalena verheiratet gewesen sei und in seinem berühmten Gemälde "das letzte Abendmahl" sei der Jünger an der Seite Jesu in Wirklichkeit nicht Johannes sondern Maria Magdalena. So habe Da Vinci "codiert" dieses Geheimnis der Nachwelt mitgeteilt (daher der Titel in den USA "Da Vinci Code"). Der "heilige Gral", in den mittelalterlichen Legenden der Kelch vom letzten Abendmahl, sei in Wahrheit eine Person, nämlich Maria Magdalena der "weibliche Schoß, der das Geblüt Christi getragen" habe (S. 342), also das königliche Blut Jesu.

Viele Christen werden das Buch mit seinen völlig absurden antibiblischen Thesen erst gar nicht zur Kenntnis nehmen oder eben "nur" als "Schundroman" abtun. Doch Vorsicht! In der Öffentlichkeit wird das Buch überall diskutiert und viele suchen nach Antworten auf die neu aufgeworfenen Fragen. Hier besteht eine grosse Chance in einer Zeit, wo kaum noch Kenntnis über den christlichen Glauben vorhanden ist, seriös über Jesus und die Geschichte der Bibel zu informieren. Vorträge zu diesem Roman sind brechend voll und das Interesse ist enorm, wie unzählige Internetseiten belegen. Viele Buchbesprechungen enden mit dem Nachsatz: "Es ist nur ein Roman, aber die Behauptung, dass Jesus verheiratet war, wurde sorgsam recherchiert und ist sehr interessant". Brown selber will den Roman im Kern als geschichtlich wahr verstanden wissen, so seine Aussage im Interview: "Ich habe vor drei Jahren meine Recherchen mit höchster Skepsis begonnen. Aber heute glaube ich, dass die Geschichte im Kern stimmt" und auf Seite 9 von "Sakrileg" versichert Brown: "Sämtliche in diesem Roman erwähnten Werke der Kunst und Architektur und alle Dokumente sind wirklichkeits- bzw. wahrheitsgetreu wiedergegeben". Das hört sich seriös an ist aber irreführend, denn über die Glaubwürdigkeit der zitierten Quellen sagt dieser Satz überhaupt nichts aus. Auch der STERN hat 1983 die Hitler-Tagebücher korrekt wiedergegeben; nur echt waren sie eben nicht.

Woher weiss Dan Brown das alles?
Auf S. 347 gibt er seine wichtigste Quelle preis. Es ist ein Bestseller aus den 80'er Jahren "Der Heilige Gral und seine Erben" von Michael Baigent und Richard Leigh (verkaufte sich in Deutschland 150.000 mal). Baigent / Leigh, zwei ehemalige englische Fernsehjournalisten, sind der theologischen Fachwelt schon lange als Scharlatane der allerschlimmsten Sorte bekannt. Das Buch der "Heilige Gral" war in seinen Thesen so absurd (Jesus sei nicht am Kreuz gestorben; Heirat mit Maria Magdalena; Nachkommenschaft Jesu in Frankreich, u.a. S. 284 im "Heiligen Gral"), dass Wissenschaftler sich weigerten, überhaupt eine Buchbesprechung zu schreiben. Der Folgebestseller der Skandalautoren in Sachen "Heiliger Gral" trug den Titel "Das Vermächtnis des Messias" (über 40.000 mal bei uns verkauft). Hier erweiterten sie ihre These, dass die Handschriftenfunde am Toten Meer Geheimbotschaften über Jesus enthalten würden und dass sich in Frankreich Jesu angebliche Ur-Ur-Ur-...Urenkel in einer Geheimverschwörung auf die Übernahme der Weltherrschaft vorbereiten würden. Der künftige Herrscher Europas als ‚Blutsnachfahre Jesu' sei Otto von Habsburg ...

"Der Heilige Gral" - die Hauptquelle für Dan Browns Thesen. Brown behauptet, die These vom "königlichen Geblüt Christi sei in der Gelehrtenwelt ausgiebig und bis ins letzte Detail untersucht worden" (S. 346). Dabei bezieht er sich ausdrücklich auf diesen Titel. Von "Gelehrten" kann man bei den Autoren (zwei Fernsehjournalisten) beim besten Willen nicht sprechen. Das Buch ist so grotesk, dass Wissenschaftler sich weigerten auch nur eine Besprechung zu schreiben. Dennoch wurde es ein Bestseller und in dem Folgeband "Das Vermächtnis des Messias" wurde die These der "Blutsnachkommenschaft" weiter ausgeschlachtet.

Die Gewährsleute von Dan Brown sind die beiden ehemaligen englischen Fernsehjournalisten und bekennenden Agnostiker Michael Baigent (links) und Richard Leigh. Ihre religiösen Skandalbücher erleben weltweit hohe Auflagen und finden immer wieder ein breites Echo in den Medien. Zu ihren grössten Fans gehört Thomas Gottschalk, der Baigent Leigh extra in eine seiner Fernsehshows holte und einem Millionenpublikum bei uns bekannt machte.
Fotos © Joseph Mick

1992/93 landeten dann Baigent/Leigh den absoluten Weltbestseller mit ihrem Buch "Verschluss-Sache Jesus - Die Qumranrollen und die Wahrheit über das frühe Christentum", das alleine auf deutsch über 1 Million mal verkauft wurde und enorme Medienbeachtung fand. Wider besseren Wissens behaupteten die beiden Autoren, dass der Vatikan die Herausgabe der Qumranschriften verhindern würde, denn in den jüdischen Texten würde stehen, dass Jesus ein ganz normaler Mensch gewesen sei (auf diese völlig falschen Behauptungen bin ich ausführlich in meinem Buch "Faszination Qumran - Wissenschaftskrimi, Forscherstreit und wahre Bedeutung der Schriftrollen vom Toten Meer" [Berneck / Bielefeld 2. Auflage 1999] eingegangen, das über den Buchhandel bezogen werden kann - ISBN 3-89397-382-6).

Den bisher grössten Erfolg feierten Baigent / Leigh mit ihrem Buch "Verschluss-Sache Jesus", indem sie dem Vatikan eine Geheimverschwörung in Sachen Qumranrollen vorwarfen. Die Schriftrollen vom Toten Meer würden Geheiminformationen über Jesus enthalten. Doch in Wahrheit stammen die Qumranschriften aus der Zeit vor Jesus und enthalten an keiner Stelle Informationen über Jesus. Eine "Verschluss-Sache" im Auftrag des Vatikan hat es auch nie gegeben, denn die Herausgabe der Qumranschriften erfolgte unter Aufsicht der Jordanischen und Israelischen Antikenverwaltung. Alle Qumrantexte sind heute veröffentlicht. Der Vatikan hatte mit der Edition der Texte nichts zu tun! Eine Entgegnung auf diesen Bestseller ist das Sachbuch "Faszination Qumran", das u.a. die grosse religionsgeschichtliche Bedeutung der Qumrantexte aufzeigt. Mit seltenem Bildmaterial aus den Archiven der direktbeteiligten Forscher werden alle Spekulationen um eine angebliche "Verschluß-Sache" widerlegt.

Dan Browns "Sakrileg" ist ein geschickter Mischmasch aus diesen Baigent/Leigh-Büchern. Dieselben falschen dümmlichen Behauptungen von Baigent/Leigh kann man hier fast wortgleich lesen. So, dass neben den Schriften aus Nag Hammadi die "Schriftrollen ... vom Toten Meer die frühesten Dokumente des Christentums" seien (S. 337) und: "natürlich hat der Vatikan in Fortsetzung seiner Tradition der Verschleierung und Informationsunterdrückung mit allen Mitteln versucht, die Veröffentlichung dieser Schriften zu verhindern" (S. 323). Hätte Brown nur ein einziges seriöses Fachbuch über die Qumranrollen gelesen, hätte er wissen müssen, dass die jüdischen Texte an keiner Stelle Jesus auch nur erwähnen, da sie überwiegend aus der Zeit vor Christus stammen. Auch der Vatikan hatte nachweislich nie etwas mit der Herausgabe der Qumranschriften zu tun, denn dies war und ist Sache der Israelischen Antikenverwaltung. Seit Nov. 2001 sind alle Texte wissenschaftlich ediert und jeder kann nun selber die Übersetzungen der Qumranschriften lesen und feststellen, dass dort keine Geheimbotschaften über Jesus und Maria enthalten sind. Die Qumranfunde sind die grösste archäologische Sensation, denn die einzigartigen Bibelfunde zeigen uns, wie hervorragend die Schriften des Alten Testaments überliefert worden sind. Einen wissenschaftlichen Editionsband der Qumrantexte wird Dan Brown allerdings noch nie in der Hand gehalten haben, denn sonst wären seine Behauptungen eine bewusste Irreführung seiner Leser.

Geheime Informationen ausserhalb der Bibel?
Wie steht es nun um die anderen Behauptungen? Enthalten die Nag Hammadi-Schriften authentische Berichte über Jesus? Die Antwort lautet: Nein! Diese Schriften (einige von ihnen oft auch fälschlicher Weise "Evangelien" genannt) stammen eindeutig aus der Zeit nach(!) der Niederschrift der Evangelien. Im Falle des sog. Thomasevangeliums sind sie eine lose Sammlung angeblicher geheimer Aussprüche Jesu (Siehe ETHOS 10/2003, S. 18). Die Nag Hammadi-Papyri (nicht Schriftrollen, wie Brown schreibt) sorgen seit ihrer Entdeckung 1945/46 in Unterägypten immer wieder für wildeste Spekulationen. Diese Schriften gehen auf eine gefährliche frühchristliche Sekte zurück, die sog. Gnostiker. Sie stehen mit ihrer Erlösungsbotschaft durch besondere Erkenntnisse (Gnosis griech. = Erkenntnis / Wissen) in einem klaren Widerspruch zur biblischen Lehre. Vor allem die Menschwerdung des Gottessohnes lehnten sie ab. Für sie war Jesus nur in einem Scheinleib zur Welt gekommen. Die Bibel aber sagt: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Johannes 1,14). Der Leib war schlecht und daher lehnten sie vehement die Erlösung am Kreuz ab.

Die Karte zeigt einige der wichtigsten Fundstätten biblischer und ausserbiblischer Texte.
Fast zeitgleich wie die Schriftrollen vom Toten Meer wurden 1945/46 in Nag Hammadi 13 Papyrus-Codicies mit insgesamt 44 gnostischen Schriften entdeckt. Sie stammen von einer der gefährlichsten philosophischen Strömungen der Antike mit der das junge Christentum zu kämpfen hatte. Am bekanntesten wurde das sog. Thomas-"Evangelium". Es beginnt: "Dieses sind die geheimen Worte, welche Jesus der Lebendige gesprochen hat ..." In Wahrheit aber bestand Jesu Botschaft nie aus Geheimlehren für nur wenige "Eingeweihte". Jesus fordert ganz im Gegenteil auf: "Geht hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung" (Markus 16, 15).


Diese gnostischen Gedanken sind auch später vom Koran übernommen worden, wenn er behauptet: "Sie haben ihn [Jesus] nicht getötet und nicht gekreuzigt sondern es erschien ihnen so" (Sure 4, Vers 157). Für die Gnostiker sind der Mensch bzw. sein Geist (seine Seele, sein Pneuma) göttlichen Ursprungs. Durch ein kosmisches Verhängnis sei dieser Lichtfunke in eine materielle Welt geraten, die von einem niederen Gott (Demiurg) geschaffen worden sei. Darin wird er von bösen Mächten gefangengehalten und der Mensch hat seinen göttliche Ursprung vergessen. Seine Befreiung beginnt in dem Augenblick, indem er sich seines Lichtwesens und seiner himmlischen Heimat bewusst wird und sich ihr zuwendet. Zu dieser "Wiedergeburt" verhilft ihm die Gnosis. Das Durchschauen dieser Zusammenhänge und das Wiedererkennen der ursprünglichen göttlichen (Licht-)Heimat sei der erste Schritt zur Erlösung aber nicht der Kreuzestod Jesu. Allerdings gibt es diese Erkenntnis nur für die Pneumatiker, eine Elite von ausgewählten Geistmenschen. Für sie ist Gnosis ein Weg zur Selbst- und zur Gotteserkenntnis. Diese unbiblischen gnostischen Lehren haben ihren Nachhall bis heute in der Esoterik und bei New-Age. Gnosis ist also eine Heilslehre und ihr Heilsweg ist ein Weg der Selbsterlösung. Schon die alten Kirchenväter entlarvten diese Irrlehre, denn die Erlösung ist und bleibt allein ein Werk Gottes durch den Kreuzestod seines Sohnes Jesus Christus. Die Erlösung wird allein durch Glauben an Jesus Christus geschenkt (Römer 3) aber nicht durch "Geheimwissen" oder esoterische Erkenntnisse. Die Erlösung ist nicht Befreiung des "göttlichen Funkens" und die Erlösung weniger Eingeweihter in das Geheimwissen, sondern in Jesus Christus gilt das Heilsangebot allen Menschen. Brown bereitet mit seinem Bestseller diesen alten gnostischen Irrlehren den Weg und macht sie erneut hoffähig. Dass die schöne Heldin des Buches und angebliche Nachfahrin Jesu "Sophie Neveu" heisst, ist Programm! "Sophia" ist die Weisheit auf griechisch, also die "neue Weisheit" soll sie verkörpern, die aber nichts mit der Bibel zu tun hat, sondern das Neuheidentum darstellt.

Als ich mit dem Religionswissenschaftler Prof. Claus-Hunno Hunzinger über den Bestseller "Sakrileg" diskutierte, gab er zur Antwort: "Die Leute sind von einer solchen religiösen Ahnungslosigkeit, dass sie jeden Blödsinn glauben und auf den Leim gehen. Gegen Argumente kann man wissenschaftlich argumentieren, gegen pure Phantasien hat man nichts entgegenzusetzen, das ist wie der Kampf von Don Quichote gegen die Windmühlen", so der deutsche Schriftrollenforscher, der die Qumranrollen im Original in den 50'er Jahren entziffert (kleines Bild) und Studien zu den Nag Hammadi-Funden veröffentlicht hat.

Gab es eine kirchliche Zensur unter Konstantin?
Von einer "Verfälschungsaktion" des Neuen Testaments unter Kaiser Konstantin kann keine Rede sein. In seiner ausgezeichneten Studie (Jesus - Essener, Guru, Esoteriker, Quell-Verlag Stuttgart 1993) schreibt Joachim Finger zu Recht: "Die Legende von der kirchlichen Zensur beruht auf dem Wissensstand des [vor]letzten Jahrhunderts. Die Archäologie hat inzwischen viele Textrollen und Fragmente aus der Zeit vor dem berühmten Konzil von Nicäa gefunden". Dazu gehören u.a. die Chester-Beatty- und Bodmer-Papyri, die grosse Teile des Neuen Testaments enthalten. Irgendwelche Botschaften über einen "sterblichen" Jesus, der ein Kind gezeugt hätte, enthalten die Texte nun wirklich nicht. Aber wir finden hier dieselbe Botschaft, wie in den späteren neutestamentlichen Handschriften, dass Gott den Menschen so sehr liebt, dass sein Sohn für die Sünden der Welt am Kreuz starb und es für jeden eine lebendige Hoffnung seit der Auferstehung Christi gibt (Johannes 3,16-21). Kaiser Konstantin liess die Bibeltexte in seinen römischen Schreibstuben von Profischreibern abschreiben, denn in den schweren Christenverfolgungen vorher (besonders unter Kaiser Diokletian) waren viele neutestamentliche Handschriften vernichtet worden. Joachim Finger: "Die Kirchen haben im Verlaufe ihrer [späteren] Geschichte des öfteren in verschiedenen Zusammenhängen Zensurmaßnahmen ergriffen ... aber die Folgerung daraus, dass sie am Anfang ihrer Geschichte selbst das Neue Testament zensierten, ist eine Erfindung des [vor]letzten Jahrhunderts". In den Kanon wurden damals nur die Schriften aufgenommen, die den Anspruch erheben konnten, von Augenzeugen des Wirkens Jesu oder aus deren Umfeld zu stammen (wie die Schriften des Paulus oder Lukas).

Heute gibt es eine Vielzahl von neutestamentlichen Payrifunden aus der Zeit vor dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr. / Türkei). Die Texte zeigen, dass es keine kirchliche Zensur unter Kaiser Konstantin gegeben hat.
Links im Bild: Eine fast vollständige Abschrift des Johannesevangeliums (2. Jh.). Rechts: Die älteste Abschrift der Petrusbriefe (2. Jh.).
Foto: Bodmeriana Cologny & A. Schick / www.bibelausstellung.de

War Jesus verheiratet?
Und wie steht es um die andere angeblich so genau recherchierte sensationelle Behauptung von Dan Brown? Auf S. 335 heisst es, die "Ehe zwischen Jesus und Maria Magdalena ist historisch verbürgt". Das ist haarsträubender Unsinn! Die Bibel berichtet nichts davon und auch in den ausserbiblischen Schriften wird nichts in dieser Richtung berichtet.

Und das Abendmahlsgemälde von Leonardo da Vinci? Ist da nicht Maria neben Jesus dargestellt? Der Kunsthistoriker und Da-Vinci-Spezialist Frank Zöllner, kann über solche Thesen nur den Kopf schütteln: "Ich verstehe nicht, warum sich so viele Leute mit diesem Unsinn befassen", so Zöllner, Professor an der Universität Leipzig. Im umfangreichen schriftlichen Nachlass von Da Vinci existiere "nicht der geringste Hinweis auf solches Zeug". Diese Thesen seien so "absurd wie die Behauptung, dass die Erde eine Scheibe sei und die Amerikaner nie auf dem Mond gelandet seien".

Dan Browns Megaseller "Sakrileg" wird weiterhin die Bestsellerlisten anführen. Schon in 2. Timotheus 4, 3+4 heisst es: "Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren und sich zu den Fabeln hinwenden".

In den USA gibt es bereits eine Vielzahl von Folgebüchern zu Dan Brown's Bestseller. Leider enthalten die meisten denselben Unfug. Sehr zu empfehlen ist die wissenschaftliche Antwort "The Gospel Code" von dem Neutestamentler Prof. Ben Witherington III (InterVarsity Press, ISBN 0-8308-3267). In Europa über www.amazon.de zu beziehen. Leider bisher nur auf Englisch.

Auch in Deutschland ist ein "Aufklärungsbuch" zu "Sakrileg" angekündigt: "Ein Code wird geknackt" (Egmont Vgs-Verlag). Zuerst sollte der Titel lauten "Die Fakten hinter dem Bestseller" - doch Vorsicht! Das Buch ist nichts anderes als ein weiteres Gralsbuch mit den üblichen haarsträubenden Thesen über Jesus, Maria und die Qumranschriften. Man fragt sich, wie ein renommierter Verlag wie Egmont, einen solchen Titel überhaupt herausbringen kann. Jeder Lektor, der nur ein wenig theologische Allgemeinbildung hat, müsste den Titel allein aus wissenschaftlicher Redlichkeit ablehnen. Aber gedruckt wird anscheinend nur noch, was Geld verspricht. Der Seriosität fühlt man sich nicht mehr verpflichtet.

Ein ‚Jesus'-Bestseller - voll daneben!
Viele sind geradezu begeistert von dem Thriller, dabei ist er noch nicht einmal literarisch anspruchsvoll oder auch nur sprachschön. Der Literaturhistoriker und Qumranforscher Prof. Carsten Peter Thiede (Bild) urteilt: "Wer auf ehrzählerische Feinheiten keinen Wert legt, mag den Schmöker sogar spannend finden. Über Browns Erfindungen, dass Jesus nicht am Kreuz starb, Nachfahren hatte und dass Leonardo da Vinci, selbst ein Mitglied jenes ‚Priorats von Zion', in seinem berühmten Abendmahls-Gemälde nicht etwa Jesus Lieblingsjünger Johannes, sondern Maria Magdalena an der Schulter Jesu zeigt - darüber kann man allerdings nur lachen. Denn dieser Roman ist ein Verrat an jeder Form von Glaubwürdigkeit ... Ein Sakrileg ist dieses Buch in der Tat: Nicht am christlichen Glauben, wie es der Autor wohl gerne hätte ... sondern an der Literatur ... Ein ‚Jesus'-Bestseller - voll daneben!" Dem ist nichts hinzufügen ausser, dass es eine echte Katastrophe ist, dass viele Menschen ihr ganzes Wissen über Jesus aus solchen haarsträubenden Büchern beziehen und leider nicht die Evangelien lesen, die authentischen Berichte über den Sohn Gottes.


Zum Autor:
Alexander Schick (42) ist Fachmann für alte Handschriftenfunde und war Teilnehmer bei den Ausgrabungen in Qumran 2002. Über die Schriftrollen vom Toten Meer und ihre religionsgeschichtliche Bedeutung veröffentlichte er u.a. den Erfolgstitel "Faszination Qumran - Wissenschaftskrimi, Forscherstreit und wahre Bedeutung der Schriftrollen vom Toten Meer" (Berneck / Bielefeld 2. Auflage 1999). Zusammen mit dem Schriftrollenforscher Dr. habil. Uwe Gleßmer entlarvte er den Bibelcode als grossen Schwindel ("Auf der Suche nach der Urbibel - Die Schriftrollen vom Toten Meer, das Alte Testament und der geheime Bibelcode" Wuppertal 2000). Seine Bibelausstellungen zur Geschichte des Buchs der Bücher und den Qumranrollen haben bisher über 400.000 Besucher quer durch Deutschland und in Europa gesehen. Infos zu den Ausstellungen unter www.bibelausstellung.de. Soeben veröffentlichte er sein neuestes Buch "Irrt die Bibel? Auf der Suche nach König David und Salomo -Mythos oder Wahrheit?" (Hammerbrücke 2004).