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1568 - Die erste Bibel mit Verszählung

 

Heidelberg 1568 - Die "Skandalbibel"!

    

Erst im 12. Jh. wurde die Kapiteleinteilung in den Bibeln eingeführt.

Zu Lebzeiten Luthers gab es noch keine Verseinteilung weder in den Lutherbibeln (siehe die letzte Ausgabe von 1545 kurz vor Luthers Tod) noch in den katholischen Bibeln, die Luthers Bibel in allem imitierten.

 

Erst 1568 - also über 20 Jahre nach Luthers Tod - erscheint eine Lutherbibel mit der Verszählung (lateinische Bibeln schon ab Mitte des 16. Jh.). Diese Ausgabe wurde jedoch in Heidelberg gedruckt und hier war eine Lutherbibel ein Skandal, denn Heildelberg gehörte zu den Reformierten (aus der schweizer Reformation hervorgegangen), die alles "lutherische" ablehnten (ebenso wie die Lutheraner alle Calvinisten bekämpften - Stichwort: Abendmahlsstreit). Es ist daher nicht verwunderlich, dass gegen die Ausgabe der Heidelberger Lutherbibel heftigste Schmähschriften erschienen.

 

Die erste "echte" Lutherbibel (d.h. gedruckt in Wittenberg) mit Versen erschien erst 1585.

 

Das Foto zeigt das Original der Heidelberger Bibel von 1568 aus der Sammlung der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Die Bibel wurde gedruckt von Martin Agricola und Johannes Mayer.

 

Mehr zur Geschichte der Versnummerierung --> HIER

Tabelle zu Bibeln mit Versnummerierung --> HIER

(beide Seiten Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart - erstellt von Direktor i.R. Dr. Eberhard Zwink).

 

 

Zur Geschichte der Neustadter Bibeln

 

Folgender Text entnommen aus der Pressemeldung von Pfarrer Michael Landgraf, Bibelmuseum Neustadt

 

Text als PDF --> HIER

 

Kurfürst Friedrich III. (reg. 1559-1576) 1561 führte 1561 die Lehre Calvins in der Kurpfalz als erstes Territorium im Reich ein. Als er 1576 starb, begannen Jahre konfessioneller Zweigleisigkeit. Sein ältester Sohn und Nachfolger Ludwig VI. (reg.1576-1583) war ein strenger Lutheraner. Reformierte Professoren mussten Heidelberg verlassen und fanden Aufnahme in Neustadt, wo Ludwigs Bruder Johann Casimir mit dem Casimirianum 1578/79 eine neue reformierte Hochschule schuf. Einer der führenden Theologen der Zeit, Zacharias Ursinus (1534-1583), lehrte hier. Sein Schüler David Pareus (1548-1622) führte dessen Werk fort. Mit den Professoren kam auch der reformierte Druckerverleger Matthäus Harnisch von Heidelberg nach Neustadt, bei dem die Neustadter Bibel erschienen.

 

Bei der Frage, welche Bibelübersetzung in der reformierten Kurpfalz verwendet werden sollte, entschied mach sich gegen die reformierte Zürcher Bibel von Huldrych Zwingli für den Luthertext. Luthers Anmerkungen waren jedoch nicht mit der Lehre vereinbar, sodass man diese entfernte. Es erschienen zunächst 1568/1569 in Heidelberg und 1579 in Neustadt handliche Bibelausgaben ohne Kommentare. Neu und revolutionär war die komplette Verszählung, die nun erstmals in einer Bibelausgabe vorlag.

 

Der nächste Schritt war eine Bibelausgabe mit reformierter Kommentierung. Diese leistete David Pareus, der mit der Neustadter Bibel von 1587/88 wieder eine handliche Ausgabe schuf. Die Kommentare machten aus der Bibel ein Lehr- und Verkündigungsbuch reformierter Prägung. Lehraussagen wurden biblischen Büchern und Kapiteln vorangestellt. Die Einleitung fasst die Bedeutung der Heiligen Schrift zusammen. Vereinzelt wenden sich Aussagen gegen Katholiken, Täufer und Lutheraner. Jeder, besonders aber der junge Kurfürst Friedrich IV. (reg. 1583-1610), solle sich angesichts gefährlicher Zeiten an der Bibel orientieren. Im Unterschied zu Luther wertete Pareus alle Bibelbücher als gleichranging, entgegen Luthers Einschätzung des Jakobus-, Hebräer- und Judasbriefs sowie der Apokalypse.

 

Die Reaktion auf diese Bibelausgabe kam prompt. 1588 erschien eine Streitschrift von Jakob Andreä, dem Kanzler der Tübinger Universität, unter dem Titel: „Christliche/ Trewhertzige Erinnerung/ vermanung vnd warnung/ vor der zur Newenstatt an der Hart nachgetruckten/ verfälschten/ vnd mit Caluinischer Gottslästerlicher Lehr beschmeißten Bibel D. Martin Luthers.“ Darin beschimpfte er das Werk des Pareus als „Erzbubenstück“ und „calvinistische verdammte Ketzerei.“ Es würden Irrtümer verbreitet und Luthers heilsame Lehre „ausgekratzt.“ So nennt er die Ausgabe eine mit des „Teufels Kot beschmeißte Bibel.

 

Pareus wehrte sich mit einer 1589 erschienenen Gegenschrift. Er betonte, dass er ja Luthers Übersetzung unverändert übernommen habe. Doch der Streit ging weiter. Die Auseinandersetzung um die Neustadter Bibel ist ein Beispiel für die Trennung der protestantischen Konfessionen, der im Konfessionalismus endete. Erst die Unionsbewegung im 19. Jahrhundert konnte die Spannungen in Territorien wie der Pfalz wieder lösen.

 

1590/91 wurde eine zweite Auflage der Bibel von 1587/88 gedruckt, in der man das reformierte Gesangbuch mit Noten, die Psalmengesänge des Ambrosius Lobwasser, und für den Unterricht den Heidelberger Katechismus ergänzte. Die 1594 erschienene dritte Auflage der von Pareus kommentierten Bibel gilt wegen ihres großen Formats als prächtigste aller Neustadter Bibeldrucke. Neu waren die Aufnahme apokrypher Bücher (beispielsweise 3. und 4. Esra und das 3. Buch der Makkabäer) und ein erweitertes Register. Eine weitere Auflage 1596 und Nachdrucke in Hanau folgten. Paul Tossanus (1572-1634), der Sohn des ersten reformierten Neustadter Dekans und Rektors des Casimirianums Daniel Tossanus, führte das Werk des David Pareus fort. Er ergänzte die reformierten Kommentierungen. Kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg erschien im Jahre 1617 in Heidelberg sein mächtiges Bibelwerk, die Tossanus-Bibel. Auch nach dem Krieg erfreute sich diese Bibelausgabe in reformierten Kreisen großer Beliebtheit und wurde in Frankfurt, Minden und Basel bis ins 18. Jahrhundert nachgedruckt. So wirkte die in Neustadt begonnene Bibeltradition lange nach.