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1522 - Die Vorrede von Martin Luther im Septembertestament

 

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Martin Luthers Vorrede zur Erstausgabe seines Neuen Testaments,

das im September 1522 veröffentlicht wurde.

 

Es wäre wohl recht und billig, daß dies Buch ohn alle Vorrede und fremden Namen ausginge und nur seinen ihm selbst eigenen Namen und Rede führete. Aber dieweil durch manche unbegründete Deutung und Vorrede der Christen Sinn dahin irregeführt ist, daß man schier nicht mehr weiß, was Evangelium oder Gesetz, Neues oder Altes Testament bedeute, fordert die Notdurft einen Hinweis und Vorrede, damit der einfältige Mann aus seinem alten Wahn auf die rechte Bahn geführet und unterrichtet werde, wessen er in diesem Buch gewarten solle, auf daß er nicht Gebot und Gesetz suche, da er Evangelium und Verheißung Gottes suchen soll.

 

Darum ist aufs erste zu wissen, daß der Wahn abzutun ist, daß es vier Evangelien und nur vier Evangelisten gebe, und ganz zu verwerfen, daß etliche des Neuen Testaments Bücher in Gesetz-, Geschichts-, prophetische und Weisheitsbücher teilen und damit glauben , ich weiß nicht wie, das Neue dem Alten Testament gleichzumachen. Sondern es ist daran festzuhalten: gleichwie das Alte Testament ein Buch ist, darinnen Gottes Gesetz und Gebot, daneben die Geschichten sowohl derer, welche dieselben gehalten wie derer, die sie nicht gehalten haben, geschrieben sind, so ist das Evangelium und Gottes Verheißung, daneben auch die Geschichte beider, derer, die dran glauben und die nicht glauben, geschrieben sind. So daß man gewiß sei, daß es nur ein Evangelium gebe, gleich wie nur ein Buch des Neuen Testaments und nur einen Glauben und nur einen Gott, der da (die Seligkeit) verheißet.

 

Denn Evangelium ist ein griechisches Wort und heißt auf deutsch „gute Botschaft“, „gute Märe“, „gute Nachricht“, davon man singet, saget und fröhlich ist. Zum Beispiel: als David den großen Goliath überwand, kam eine gute Nachricht und tröstliche Neuigkeit unter das jüdische Volk, daß ihr greulicher Feind erschlagen und sie erlöset, zu Freud und Frieden gebracht wären, darüber sie sangen und sprangen und fröhlich waren. So ist dies Evangelium Gottes und Neue Testament ein gute Märe und Nachricht, in alle Welt erschollen durch die Apostel, von einem rechten David, der mit der Sünde, Tod und Teufel gestritten und sie überwunden habe, und damit alle die, so in Sünden gefangen, mit dem Tod geplagt, vom Teufel überwältigt gewesen, ohn ihr Verdienst erlöset, gerechtfertigt, lebendig und selig gemacht, und damit zum Frieden und zu Gott wieder heimgebracht hat, darüber sie singen, Gott danken, loben und fröhlich sind ewiglich, sofern sie das fest glauben und im Glauben beständig bleiben.

 

Solche Nachricht und tröstliche Märe oder evangelische und göttliche Neuigkeit nennt man auch ein neues Testament. Und zwar deshalb: ein Testament ist es, wenn ein sterbender Mann seinen Besitz ordnet, ihn nach seinem Tod den von ihm benannten Erben auszuteilen. So hat auch Christus vor seinem Sterben befohlen und angeordnet, solches Evangelium nach seinem Tod in alle Welt auszurufen und damit allen, die da glauben, all sein Gut zu eigen gegeben, das ist: sein Leben, womit er den Tod verschlungen, seine Gerechtigkeit, womit er die Sünde vertilgt, und seine Seligkeit, womit er die ewige Verdammnis überwunden hat. Nun kann ja der arme Mensch, in Sünden, Tod und zur Hölle verstrickt, nichts Tröstlicheres hören, als solch teure, liebliche Botschaft von Christus, und muß sein Herz von Grund auf lachen und fröhlich drüber werden, wo er glaubt, daß es wahr sei.

 

Nun hat Gott solchen Glauben zu stärken, diese sein Evangelium und Testament vielfältig im Alten Testament durch die Propheten versprochen, wie Paulus Röm. 1,1-3 sagt: „Ich bin ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes, welches er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der heiligen Schrift, von seinem Sohn, der ihm geboren ist von dem Samen Davids“ usw. Und daß wir der Schriftstellen etliche anführen, hat ers zuerst versprochen, da er zu der Schlange 1. Mose 3,15 sagt: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir deinen Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse stechen.“ Christus ist der Same dieses Weibes, der dem Teufel seinen Kopf, das ist, Sünde, Tod, Hölle und alle seine Kraft zertreten hat. Denn ohne diesen Samen kann kein Mensch der Sünde, dem Tod, der Hölle entrinnen.

 

Ebenso versprach ers 1. Mose 22,18 dem Abraham: „In deinem Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.“ Christus ist der Same Abrahams, sagt Paulus Gal. 3,16. Der hat alle Welt durchs Evangelium gesegnet. Denn wo Christus nicht ist, da ist noch der Fluch, der auf Adam und seinen Kinder fiel, da er gesündigt hatte, daß sie allzumal der Sünde, des Todes und der Hölle schuldig und zu eigen sein müssen. Dem Fluch entgegen segnet nun das Evangelium alle Welt damit, daß es öffentlich ruft: wer an diesen Samen Abrahams glaubt, soll gesegnet, das ist, von Sünde, Tod und Hölle los sein, und gerechtfertigt, lebendig und selig bleiben ewiglich, wie Christus selbst Joh. 11,25 f. sagt: „Wer an mich glaubt, der wird nimmermehr sterben.“

 

Ebenso versprach ers David 2. Sam. 7,12-14, da er sagt: „Ich will erwecken deinen Samen nach dir, der soll mir ein Haus bauen, und ich will sein Reich festigen ewiglich. Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein“ usw. Das ist das Reich Christi, davon das Evangelium spricht: ein ewiges Reich, ein Reich des Lebens, der Seligkeit und Gerechtigkeit, darein aus dem Gefängnis der Sünde und des Todes alle kommen, die da glauben. Solcher Verheißung des Evangeliums gibt es viel mehr auch in den andern Propheten, wie z.B. Micha 5,1 „Und du Bethlehem, du bist klein unter den Städten in Juda, aus dir soll mir kommen, der ein Herzog sei meines Volkes Israels“, und weiter Hosea 13,14: „Ich will sie von der Hand des Todes erlösen, vom Tod will ich sie erretten.“

 

So sehen wir nun, daß es nicht mehr als ein Evangelium gibt, gleichwie nur einen Christus. Sintemal „Evangelium“ nichts anderes ist noch sein kann, als eine Predigt von Christus, Gottes und Davids Sohn, wahrem Gott und Mensch, der für uns mit seinem Sterben und Auferstehen aller Menschen Sünde, Tod und Hölle überwunden hat, die an ihn glauben, so daß also das Evangelium eine kurze und eine lange Rede sein, und einer kurz, der andere lang beschreiben kann. Der beschreibts ausführlich, der viele Werke und Worte Christi beschreibt, wie es die vier Evangelisten tun. Der beschreibts aber kurz, der nicht von Christi Werken, sondern mit wenigen Worten anzeigt, wie er durchs Sterben und Auferstehen Sünde, Tod und Hölle überwunden habe, denen, die an ihn glauben, wie Petrus und Paulus.

 

Darum siehe nun drauf, daß du nicht aus Christus einen Mose machest, noch aus dem Evangelium ein Gesetz oder Buch der Lehre, wie bisher geschehen ist. Denn das Evangelium fordert recht eigentlich nicht unser Werk, daß wir damit fromm und selig werden, ja es verdammt solche Werke und fordert nur Glauben an Christus, daß derselbe für uns Sünde, Tod und Hölle überwunden hat und also nicht durch unsere Werke, sondern durch seine eigenen Werke, Sterben und Leiden, fromm, lebendig und selig macht, auf daß wir uns seines Sterbens und Überwindens annehmen möchten, als hätten wirs selber getan.

 

Daß aber Christus im Evangelium, und dazu Petrus und Paulus viel Gesetz und Lehre geben und das Gesetz auslegen, soll man allen andern Werken und Wohltaten Christi gleich rechnen. Und gleichwie seine Werke und Geschichte kennen, noch nicht bedeutet, das rechte Evangelium kennen, denn damit weißt du noch nicht, daß er Sünde, Tod und Teufel überwunden hat. Ebenso bedeutet auch das noch nicht das Evangelium kennen, wenn du solche Lehre und Gebot weißt, sondern, wenn die Stimme kommt, die da sagt, Christus sei dein eigen mit Leben, Werken, Sterben, Auferstehen und allem, was er ist, hat, tut und vermag.

 

So sehen wir auch, daß er nicht nötigt, sondern freundlich locket und spricht: „Selig sind die Armen“ usw. Und die Apostel gebrauchen des Worts: „Ich ermahne“, „ich flehe“, „ich bitte“, daß man allenthalben siehet, wie das Evangelium nicht ein Gesetzbuch ist, sondern nur eine Predigt von den Wohltaten Christi, uns erzeiget und zu eigen gegeben, so wir glauben. Mose aber in seinen Büchern treibt, dringt, droht, schlägt und straft greulich; denn er ist ein Gesetzschreiber und -treiber. Daher kommts auch, daß einem Gläubigen kein Gesetz gegeben ist, wie Paulus 1. Tim. 1,9 sagt, deshalb weil er durch den Glauben gerecht, lebendig und selig ist. Und ist ihm nicht mehr nötig, als daß er solchen Glauben beweise.

 

Ja, wo der Glaube ist, kann er nicht an sich halten, er beweiset sich, bricht heraus und bekennet und lehret solch Evangelium vor den Menschen und waget sein Leben dran. Und alles, was er lebet und tut, das richtet er zu des Nächsten Nutz, ihm zu helfen, nicht allein auch zu solcher Gnade zu kommen, sondern auch mit Leib, Gut und Ehre, wie er siehet, daß ihm Christus getan hat, und folget so dem Vorbild Christi nach. Das meinet auch Christus, da er beim Abschied kein anderes Gebot gab als die Liebe, daran man erkennen sollte, wer seine Jünger wären und rechtschaffene Gläubige (Joh. 13,35). Denn wo die Werke und die Liebe nicht herausbrechen, da ist der Glaube nicht recht, da haftet das Evangelium noch nicht und ist Christus nicht recht erkannt. Siehe, nun schicke dich so in die Bücher des Neuen Testaments, daß du sie auf diese Weise zu lesen wissest.

 

 

Leider erkennt man ab diesem Teil der Vorrede die Bibelkritik von Martin Luther:

 

Welches die rechten und edelsten Bücher des Neuen Testaments sind.

Aus diesem allen kannst du nun recht über alle Bücher urteilen und unterscheiden, welches die besten sind. Denn das Evangelium des Johannes und die Briefe des Paulus, insbesondere der an die Römer, und der erste Brief des Petrus sind nämlich der rechte Kern und das Mark unter allen Büchern, welche auch billig die ersten sein sollten. Und einem jeglichen Christen wäre zu raten, daß er dieselben am ersten und allermeisten lese und sich durch täglich Lesen so vertraut machte wie das tägliche Brot. Denn in diesen findest du nicht viel Werke und Wundertaten Christi beschrieben, du findest aber gar meisterlich dargelegt, wie der Glaube an Christus Sünde, Tod und Hölle überwindet und das Leben, Gerechtigkeit und Seligkeit gibt, welches die rechte Art des Evangeliums ist, wie du gehört hast.

 

Denn wenn ich je auf deren eins verzichten sollte, auf die Werke oder die Predigten Christi, dann wollte ich lieber auf die Werke als auf seine Predigten verzichten. Denn die Werke hülfen mir nichts, aber seine Worte, die geben das Leben, wie er selbst sagt. Weil nun Johannes gar wenig Werke von Christus, aber gar viele seiner Predigten beschreibt, umgekehrt die andern drei Evangelisten aber viele seiner Werke und weniger seiner Worte beschreiben, ist das Evangelium des Johannes das einzige, schöne, rechte Hauptevangelium und den andern dreien weit, weit vorzuziehen und höher zu heben. Ebenso gehen auch des Paulus und Petrus Briefe weit den drei Evangelien des Matthäus, Markus und Lukas voran.

 

In Summa: das Evangelium des Johannes und sein erster Brief, die Briefe des Paulus, insbesondere der an die Römer, Galater, Epheser und der erste Brief des Petrus, das sind die Bücher, die dir Christus zeigen und dich alles lehren, was dir zu wissen not und selig ist, ob du schon kein ander Buch und Lehre nimmer sehest noch hörest. Darum ist der Jakobusbrief eine rechte stroherne Epistel gegen sie; da er doch keine evangelische Art an sich hat. Doch davon weiter in andern Vorreden.

 

Die Vorrede kann man hier in der --> Digitalausgabe finden