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Erasmus Roterdamus Paraclesis 1520

Separatdruck seiner Vorrede zum Neuen Testament in deutscher Übersetzung

Detail aus der Schrift von Erasmus mit der Forderung, dass doch das Evangelium und die Briefe des Paulus in die deutsche Sprache übersetzt werden sollten

 

 

Paraclesis Teütscht wie ein teüberlich und aussprechlich schatz und klainet sey das Ewangelium und haylig wort gottes

 

Augsburg - Druck durch Johann Schönsperger d.J. 1520

 

 

Die Paraclesis ist das Vorwort zu Erasmus griechischer und lateinischer Ausgabe des Neuen Testaments, die Froben erstmals im Februar 1516 veröffentlichte. Das Wort selbst ist griechisch und bedeutet "Ermahnung". In diesem Zusammenhang ist es eine Aufforderung oder Ermahnung an den Christen, die Heilige Schrift zu studieren, wo er allein die Lehren Christi in all ihrer Fülle und ihrem Leben finden wird.

 

Die Vorrede und die ab 1518 separat gedruckte und erweiterte Fassung hatte einen unglaublichen Einfluss auf die Entstehung von Bibelübersetzungen in ganz Europa. Erasmus schreibt u.a.: „Warum wollen wir die Weisheit Christi lieber aus Schriften von Menschen kennen lernen als aus Christus selbst? Was dieser versprochen hat, dass er mit uns sein werde bis ans Ende der Zeiten, löst er vor allem in seinen Schriften ein, in denen er für uns auch heute noch lebt, atmet, spricht, beinahe hätte ich gesagt, wirkungsvoller als damals, als er unter den Menschen weilte.“

 

Erasmus wendet sich zudem gegen die vorherherrschende Meinung, dass die Bibel nur für den Klerus sei: „Leidenschaftlich rücke ich von denen ab, die nicht wollen, daß die heiligen Schriften in die Volkssprache übertragen und auch von Laien gelesen werden, als ob Christus so verwickelt gelehrt hätte, daß er kaum von einer Handvoll Theologen verstanden werden könne, und als ob man die christliche Religion dadurch schützen könne, daß sie unbekannt bliebe.“

 

Zugleich fordert Erasmus die Übersetzung des Neuen Testaments in die Volkssprachen!

„Ich würde wünschen, daß alle Dienstmädchen das Evangelium lesen, daß sie die paulinischen Briefe lesen. Würden doch diese in die Sprachen aller Völker übertragen, damit sie nicht nur von den Schotten und Iberern, sondern auch von den Türken und Sarazenen gelesen und verstanden werden könnten ... Wenn doch der Bauer mit der Hand am Pflug etwas davon vor sich hin sänge, der Weber etwas davon mit seinem Schiffchen im Takt vor sich hin summte und der Wanderer mit Erzählungen dieser Art seinen Weg verkürzte.“

 

Viele waren so angetan von dieser Aufforderung des Erasmus, dass in den deutschen Landen u.a. Johannes Lang (der Freund Luthers) das Matthäusevangelium aus dem griechischen Text ins Deutsche zu übersetzen. Diese Schrift von Erasmus hat Melanchthon dazu gebracht, Luther zu überzeugen, dass man das Neue Testament ins Deutsche übersetzen müsse. Auch William Tyndale, der Übersetzer des Neuen Testaments in die englische Sprache bezieht sich explizit auf diese wegweisende Schrift von Erasmus ebenso der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli.

 

Die Paraclesis erschien bis 1523 in 20 lateinischen Ausgaben. Zwischen 1520 und 1521 kamen drei verschiedene deutsche Übersetzungen und zahlreiche Nachdrucke auf den Buchmarkt. Die Übersetzer - Justus Jonas, Georg Spalatin und Leo Jud - wurden sämtlich führende Gestalten der Reformation.

 

--> Hier können Sie in der Digitalausgabe diese Schrift durchblättern und in ihr lesen

 

Das ausgestellte Exemplar gehört zu den großen Raritäten der Flugschriften aus der Reformationszeit.